Archivare verschwindender Dinge

Im September 2018 war Mirko Bonné als Stipendiat des Literaturbüros im Oldenburger Land unterwegs. Seine Beobachtungen ließ er in ein Journal einfließen, das poetische, historische und narrative Einträge verbindet. Auch sieben Gedichte schrieb er zu einzelnen Stationen der Reise. Die Ernsthaftigkeit der vertiefenden Recherche, die seinen Eindrücken folgte, wird in diesem Text ebenso deutlich wie sein großes Interesse an Architektur und Bildender Kunst. Als wir das Journal im Mai 2019 vorstellten, sprach der Schriftsteller mit mir über den Stellenwert, den er der Geschichtlichkeit beimisst. Zum Verständnis historischer Ereignisse, zur aktuellen Selbstvergewisserung und für den Blick in die Zukunft sei es unverzichtbar, sich der geschichtlichen Tiefe der Dinge zu vergewissern. Daher wurde das Aufspüren von Verschwundenem ein Leitfaden seiner Reise. Daher ordnet er seine Beobachtungen in zeitgeschichtliche Kontexte ein und stellt immer wieder Bezüge zu anderer, auch zu historischer Literatur her. Im besten Fall kann er damit als Schriftsteller verschwundene Gebäude, Brücken, Kunstwerke und Handwerkstechniken im Bewusstsein seiner Leser lebendig halten. So wie wir alle, hofft er, einst in der Erinnerung anderer Menschen fortbestehen werden.
Auch Jochen Schimmang kreist in seinen neuen Erzählungen um Formen und Figuren des Verschwindens und begibt sich auf eine Spurensuche nach Lücken und Verlusten. Auch er nimmt Menschen, Gebäude und ganze Viertel in den Blick, die verschwinden; Techniken, Gesten und Sprechweisen. Als Archivar der verschwindenden Dinge wird er von der Literaturkritik bezeichnet. Nicht die schlechteste Zuschreibung für einen Schriftsteller.
Der aktuelle Roman Gregor Sanders schaut zurück in die Zeit, als es mit der DDR zu Ende ging. Wer die Ereignisse solcher Umbrüche einordnen möchte, kommt ohne Bewusstsein für Geschichtlichkeit nicht weiter. Noch tiefer zurück in die Zeitgeschichte begibt sich Norbert Scheuer mit seinem Roman Winterbienen, der die Lesungen der aktuellen LiteraTour Nord eröffnet: Sein Protagonist arbeitet im Januar 1944 als Imker und Fluchthelfer. In präparierten Bienenstöcken versucht er Juden ins besetzte Belgien zu retten.
Bei so viel Historie wollen wir nicht darauf verzichten, auch das aktuellste politische Zeitgeschehen in unserem Programm zu reflektieren: Kate Connolly, Berlin-Korrespondentin für den Guardian und den Observer, schildert in ihrem Buch Exit Brexit ihren skurrilen Weg zum deutschen Pass und erläutert nebenbei die Beziehungen Großbritanniens zu Europa und Deutschland. Und Sie dürfen uns, wie immer, in die Romane und Erzählungen unserer Programmgäste begleiten.

Ed